Das PICO-Scoping legt fest, welche klinischen Fragestellungen im Joint Clinical Assessment (JCA) untersucht werden. Der Assessment Scope entsteht aus den Anforderungen der EU-Mitgliedstaaten und kann mehrere Populationen, Vergleichstherapien und Endpunkte umfassen. Für pharmazeutische Unternehmer bestimmt er, welche klinische Evidenz im JCA-Dossier adressiert werden muss und welche zusätzlichen Analysen erforderlich sein können.
Die Anforderungen an das JCA-Scoping können erheblich über die Fragestellungen der zulassungsrelevanten Studien hinausgehen. Unterschiedliche nationale Versorgungsstandards, klinische Subpopulationen und Comparatoren führen dazu, dass ein Arzneimittel innerhalb desselben Anwendungsgebiets anhand mehrerer PICOs bewertet werden kann.
Für Hersteller beginnt die Vorbereitung deshalb vor der Veröffentlichung des finalen Assessment Scope. Die frühzeitige Identifikation möglicher Populationen, Comparatoren und Outcomes ermöglicht es, die vorhandene Evidenz zu prüfen, methodische Lücken zu erkennen und zusätzliche Analysen vorzubereiten.
PICO-Scoping im JCA: Funktion und regulatorischer Rahmen
Das PICO-Scoping übersetzt die klinischen Bewertungsanforderungen der EU-Mitgliedstaaten in einen gemeinsamen Assessment Scope. Dieser bildet die Grundlage für die vergleichende klinische Bewertung nach der Verordnung (EU) 2021/2282 über die Bewertung von Gesundheitstechnologien.
Das Joint Clinical Assessment untersucht die relative klinische Wirksamkeit und Sicherheit einer Gesundheitstechnologie. Es trifft keine Entscheidung über den nationalen Zusatznutzen, die Preisbildung oder die Erstattung eines Arzneimittels. Diese Entscheidungen verbleiben bei den Mitgliedstaaten.
Die Mitgliedstaaten bringen ihre klinischen Bewertungsanforderungen in das europäische Verfahren ein. Aus diesen Anforderungen wird ein gemeinsamer Assessment Scope entwickelt, der die relevanten Fragestellungen für das JCA-Dossier definiert.
Population, Intervention, Comparator und Outcome im JCA
Das PICO-Schema strukturiert die klinischen Bewertungsfragen anhand von vier Komponenten.
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PICO-Komponente |
Bedeutung im JCA |
|---|---|
|
Population (P) |
Patientinnen und Patienten, für die die relative klinische Wirksamkeit und Sicherheit bewertet werden sollen |
|
Intervention (I) |
Zu bewertende Gesundheitstechnologie, beispielsweise ein neues Arzneimittel |
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Comparator (C) |
Vergleichstherapie oder Vergleichsintervention, gegenüber der die klinischen Ergebnisse untersucht werden |
|
Outcome (O) |
Klinische Endpunkte zur Bewertung von Wirksamkeit und Sicherheit |
Ein PICO beschreibt eine konkrete klinische Fragestellung. Unterschiedliche Populationen, Comparatoren oder Outcomes können dazu führen, dass innerhalb eines JCA mehrere PICO-Fragestellungen berücksichtigt werden müssen.
Die PICO-Struktur bildet zugleich die Grundlage für die Zuordnung der verfügbaren Studien und Analysen. Für die relevanten Vergleiche muss nachvollziehbar sein, welche Evidenz vorliegt und welche methodischen Einschränkungen bestehen.
Unterschied zwischen EMA-Zulassungsindikation und JCA Assessment Scope
Die EMA-Zulassungsindikation und der JCA Assessment Scope erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Die Zulassungsbewertung untersucht insbesondere Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit eines Arzneimittels im beantragten Anwendungsgebiet. Das JCA konkretisiert die Fragestellungen zur relativen klinischen Wirksamkeit und Sicherheit, die für die Mitgliedstaaten relevant sind.
Eine breite Zulassungsindikation kann deshalb zu mehreren PICO-Fragestellungen führen. Innerhalb desselben Anwendungsgebiets können unterschiedliche Behandlungslinien, klinische Subpopulationen oder nationale Versorgungsstandards relevant sein.
Für Hersteller bedeutet dies, dass die Evidenz aus den zulassungsrelevanten Studien nicht automatisch sämtliche Anforderungen des Assessment Scope abdeckt. Eine Studie kann für die Zulassung geeignet sein, ohne für jeden im JCA angeforderten Comparator einen direkten Vergleich zu ermöglichen.
Rolle der Mitgliedstaaten und der HTA Coordination Group
Die Mitgliedstaaten wirken über die Health Technology Assessment Coordination Group (HTA Coordination Group, HTACG) und die zuständigen Arbeitsstrukturen am europäischen Bewertungsverfahren mit.
Die Coordination Group koordiniert die gemeinsame Arbeit der nationalen HTA-Behörden. Die für das JCA zuständige Subgroup sowie die benannten Assessoren und Co-Assessoren übernehmen Aufgaben bei der Entwicklung des Assessment Scope und der anschließenden klinischen Bewertung.
Die Beteiligung mehrerer Mitgliedstaaten soll gewährleisten, dass unterschiedliche nationale Anforderungen an Populationen, Comparatoren und Outcomes im europäischen Bewertungsrahmen berücksichtigt werden.
Der daraus entstehende Assessment Scope ist jedoch keine Zusammenstellung nationaler Nutzenbewertungen. Er definiert die gemeinsamen klinischen Fragestellungen, die im JCA untersucht werden.
Entstehung des JCA Assessment Scope und Konsolidierung der PICOs
Der JCA Assessment Scope wird aus den klinischen Bewertungsanforderungen der Mitgliedstaaten entwickelt und anschließend zu einem gemeinsamen Bewertungsumfang konsolidiert. Das Scoping beginnt im zeitlichen Zusammenhang mit dem europäischen Zulassungsverfahren und wird abgeschlossen, bevor der Hersteller das finale JCA-Dossier einreicht.
Die Konsolidierung ist ein zentraler Bestandteil des Verfahrens. Unterschiedliche nationale Anforderungen müssen so zusammengeführt werden, dass die relevanten klinischen Fragestellungen im europäischen Bewertungsprozess berücksichtigt werden können.
Einbringung der PICO-Anforderungen durch die Mitgliedstaaten
Die Mitgliedstaaten können Anforderungen an Populationen, Comparatoren und Outcomes einbringen, die aus ihrer nationalen Versorgungssituation und ihren Bewertungsanforderungen resultieren.
Unterschiede können insbesondere entstehen durch:
Abweichende nationale Behandlungsstandards
Unterschiedliche therapeutische Alternativen
Abweichende Definitionen klinischer Subpopulationen
Unterschiedliche Anforderungen an klinische Endpunkte
Unterschiedliche Positionierungen einer neuen Therapie innerhalb bestehender Behandlungspfade
Ein Arzneimittel kann beispielsweise in einem Mitgliedstaat mit einer etablierten aktiven Therapie verglichen werden, während in einem anderen Mitgliedstaat eine individualisierte Behandlung relevant ist. Beide Anforderungen können für den gemeinsamen Assessment Scope von Bedeutung sein.
Konsolidierung der nationalen PICO-Anforderungen
Die PICO-Konsolidierung führt die Anforderungen der Mitgliedstaaten zu einem gemeinsamen Assessment Scope zusammen. Dabei werden klinisch vergleichbare Fragestellungen berücksichtigt und Überschneidungen zwischen nationalen Anforderungen identifiziert.
Die Konsolidierung soll die gemeinsame Bewertung praktikabel gestalten, ohne relevante klinische Bewertungsfragen auszuschließen.
Das Ergebnis kann weiterhin mehrere PICOs umfassen. Ein gemeinsamer Assessment Scope bedeutet deshalb nicht, dass sämtliche Mitgliedstaaten dieselbe Population oder dieselbe Vergleichstherapie verwenden.
Für Hersteller ist entscheidend, welche konkreten Vergleiche nach Abschluss der Konsolidierung tatsächlich im JCA-Dossier adressiert werden müssen.
Finalisierung und Kommunikation des Assessment Scope
Der finale Assessment Scope wird dem pharmazeutischen Unternehmer im Rahmen des JCA-Verfahrens mitgeteilt und bildet die maßgebliche Grundlage für die angeforderte klinische Evidenz.
Die reguläre Frist zur Einreichung des JCA-Dossiers beträgt 100 Tage ab der ersten Aufforderung zur Dossiereinreichung; bei beschleunigten Zulassungsverfahren beträgt sie grundsätzlich 60 Tage. Der maßgebliche Fristbeginn ergibt sich aus der formalen Aufforderung im konkreten Verfahren und sollte nicht pauschal mit der Übermittlung des Assessment Scope gleichgesetzt werden.
Diese Fristen machen die frühzeitige Evidenzplanung besonders relevant. Systematische Literaturrecherchen, indirekte Vergleiche und zusätzliche Analysen lassen sich häufig nicht erst nach Bekanntgabe des finalen Assessment Scope vollständig entwickeln.
Die konkrete Fristenberechnung und die weiteren Verfahrensschritte werden im Leitfaden zum JCA-Verfahren erläutert.
Populationen und Subgruppen im JCA-Scoping
Die Definition der Population bestimmt, für welche Patientinnen und Patienten die relative klinische Wirksamkeit und Sicherheit im JCA untersucht werden. Unterschiede innerhalb der Zulassungsindikation können zu mehreren PICO-Fragestellungen führen und zusätzliche Anforderungen an die Evidenz begründen.
Die klinische Abgrenzung einer Population beeinflusst unmittelbar, welche Studien eingeschlossen werden können und ob deren Ergebnisse auf die jeweilige Fragestellung übertragbar sind.
Klinische Populationen innerhalb der Zulassungsindikation
Die Population eines JCA-PICOs kann durch unterschiedliche klinische Merkmale definiert werden:
Erkrankungsstadium und Schweregrad
Vorangegangene Therapien
Behandlungslinie
Biomarkerstatus oder genetische Veränderungen
Eignung für bestimmte Therapieoptionen
Weitere prognostisch oder therapeutisch relevante Merkmale
Die Festlegung solcher Kriterien kann die verfügbare Evidenz erheblich einschränken. Eine randomisierte Studie kann beispielsweise eine breite Patientenpopulation einschließen, während das JCA einen Vergleich für eine enger definierte Subpopulation verlangt.
In diesem Fall muss geprüft werden, ob geeignete Subgruppenanalysen vorliegen und ob die Ergebnisse für die angeforderte Population methodisch belastbar sind.
Bedeutung von Biomarkern und genetischen Subpopulationen
Bei zielgerichteten Therapien und Arzneimitteln für seltene Erkrankungen können molekulare oder genetische Merkmale die Definition der relevanten Population bestimmen.
Dies gilt insbesondere dann, wenn sich die Behandlungseignung oder die klinische Prognose zwischen einzelnen genetischen Subpopulationen unterscheidet.
Die verfügbaren Studien umfassen häufig nur kleine Patientenzahlen. Eine weitere Unterteilung kann die statistische Präzision der Ergebnisse reduzieren und direkte Vergleiche erschweren.
Für die Evidenzplanung ist deshalb frühzeitig zu prüfen, ob die klinischen Studien die voraussichtlich relevanten Subpopulationen ausreichend abbilden.
Auswirkungen der Populationsdefinition auf die Evidenzverfügbarkeit
Je enger eine Population definiert wird, desto wichtiger wird die Prüfung, ob geeignete vergleichende Evidenz für diese spezifische Fragestellung vorliegt. Eine klinisch sinnvolle Abgrenzung führt nicht automatisch dazu, dass entsprechende Studiendaten verfügbar sind.
Bei kleinen Subpopulationen können insbesondere begrenzte Fallzahlen, fehlende Vergleichsarme und unterschiedliche Einschlusskriterien die Evidenzbewertung erschweren.
Das JCA zu Onasemnogene abeparvovec (Itvisma) verdeutlicht diese Herausforderung bei genetisch definierten Populationen einer seltenen Erkrankung.
Für Hersteller ist deshalb entscheidend, mögliche Populationsabgrenzungen frühzeitig mit den verfügbaren Studiendaten abzugleichen.
Comparatoren im JCA: Unterschiedliche Versorgungsstandards und Vergleichstherapien
Unterschiedliche nationale Versorgungsstandards können dazu führen, dass für dieselbe Intervention mehrere Comparatoren im JCA Assessment Scope berücksichtigt werden. Die Auswahl der Vergleichstherapien beeinflusst die Anforderungen an die Evidenz und kann zusätzliche direkte oder indirekte Vergleiche erforderlich machen.
Die Comparator-Anforderungen gehören zu den wichtigsten Einflussfaktoren auf den Umfang und die methodische Komplexität eines JCA-Dossiers.
Nationale Versorgungsstandards als Grundlage der Comparator-Auswahl
Die Mitgliedstaaten können unterschiedliche therapeutische Alternativen als relevant ansehen. Ursachen sind unter anderem Unterschiede in der Verfügbarkeit zugelassener Arzneimittel, in nationalen Leitlinien, in der Versorgungspraxis und in der Positionierung einzelner Behandlungen.
Ein Comparator kann deshalb in einem Mitgliedstaat dem etablierten Behandlungsstandard entsprechen, während in einem anderen Mitgliedstaat eine andere Therapie relevant ist.
Das JCA muss diese Unterschiede im gemeinsamen Assessment Scope berücksichtigen. Für Hersteller entsteht dadurch die Anforderung, die vorhandene klinische Evidenz nicht ausschließlich gegenüber dem Comparator der pivotalen Zulassungsstudie zu betrachten.
Individualisierte Behandlung als Comparator
Eine individualisierte Behandlung kann mehrere therapeutische Optionen umfassen, deren Auswahl von den klinischen Merkmalen der Patientinnen und Patienten abhängt.
Für die vergleichende Evidenzbewertung ist dann relevant, welche Behandlungen innerhalb der individualisierten Therapie tatsächlich eingesetzt werden und ob die zugrunde liegenden Daten die angeforderte Vergleichssituation abbilden.
Die Vergleichbarkeit hängt unter anderem von der Zusammensetzung der Behandlungsmöglichkeiten, der Patientenpopulation und den verfügbaren Ergebnissen ab. Eine pauschale Gegenüberstellung mit einer heterogenen Kontrollgruppe kann deshalb zusätzliche methodische Fragen aufwerfen.
Fehlende direkte Vergleichsdaten im JCA
Nicht jeder im Assessment Scope enthaltene Comparator wurde in den zulassungsrelevanten Studien direkt untersucht.
Wenn direkte Vergleichsdaten fehlen, können indirekte Vergleiche oder ergänzende Evidenzsynthesen erforderlich werden.
Ihre Durchführbarkeit hängt von der verfügbaren Studienlandschaft ab. Besonders anspruchsvoll sind Situationen, in denen kein gemeinsamer Brückenkomparator vorhanden ist oder die Populationen der verfügbaren Studien erheblich voneinander abweichen.
Die bloße Verfügbarkeit eines statistischen Verfahrens reicht nicht aus, um einen validen Vergleich zu gewährleisten. Die methodischen Voraussetzungen und Grenzen solcher Analysen werden im Leitfaden zur JCA-Evidenzbewertung vertieft.
Comparator-Anforderungen und Umfang des JCA-Dossiers
Die Zahl der relevanten Comparatoren beeinflusst unmittelbar den Aufwand für die Evidenzaufbereitung.
Für jeden zusätzlichen Vergleich muss geprüft werden, ob geeignete Studien identifiziert werden können, ob die verfügbaren Populationen vergleichbar sind und welche Analysen erforderlich werden.
Das JCA zu Tarlatamab (Imdylltra) zeigt beispielsweise, wie unterschiedliche Behandlungssituationen und Vergleichstherapien innerhalb eines Anwendungsgebiets zu mehreren PICO-Fragestellungen führen können.
Für die Vorbereitung des JCA-Dossiers ist deshalb die frühzeitige Identifikation möglicher Comparatoren besonders relevant.
Outcomes im JCA-Scoping und ihre Bedeutung für die Evidenzplanung
Die im Assessment Scope definierten Outcomes legen fest, welche klinischen Ergebnisse für die jeweiligen PICO-Fragestellungen untersucht werden sollen. Unterschiedliche Anforderungen an Endpunkte können zusätzliche Auswertungen notwendig machen und die Verfügbarkeit geeigneter Evidenz beeinflussen.
Für Hersteller ist deshalb bereits bei der Studienplanung relevant, welche Endpunkte in den späteren europäischen Bewertungsfragen eine Rolle spielen könnten.
Klinische Endpunkte und patientenberichtete Ergebnisse
Im JCA können unterschiedliche Endpunktkategorien relevant sein. Dazu gehören insbesondere Mortalität, Morbidität, gesundheitsbezogene Lebensqualität und Sicherheit.
Die verfügbaren Studien müssen daraufhin geprüft werden, ob sie die angeforderten Endpunkte erheben und ob geeignete vergleichende Ergebnisse vorliegen.
Patient-reported Outcomes können beispielsweise wichtige Informationen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität oder zu krankheitsbezogenen Symptomen liefern. Ihre Aussagekraft hängt jedoch von der verwendeten Erhebungsmethode, der Datenvollständigkeit und der statistischen Auswertung ab.
Unterschiede zwischen angeforderten und verfügbaren Outcomes
Nicht jeder im Assessment Scope enthaltene Endpunkt wurde in den relevanten Studien erhoben. Weitere Schwierigkeiten können entstehen, wenn unterschiedliche Studien ähnliche klinische Konzepte mit verschiedenen Instrumenten oder Definitionen erfassen.
Für die Evidenzplanung sind deshalb drei Fragen zentral:
Wurde der angeforderte Endpunkt in den verfügbaren Studien erhoben?
Ist die Operationalisierung zwischen den Studien ausreichend vergleichbar?
Liegen geeignete Ergebnisse für die relevante Population und den jeweiligen Comparator vor?
Fehlende Endpunkte lassen sich nicht allein durch zusätzliche statistische Auswertungen ersetzen.
Wenn geeignete Daten fehlen, muss die Evidenzlücke nachvollziehbar dokumentiert und hinsichtlich ihrer Konsequenzen für die jeweilige PICO-Fragestellung eingeordnet werden.
Outcome-Anforderungen bei der frühen Studienplanung
Die spätere Verfügbarkeit klinischer Endpunkte wird wesentlich durch das Studiendesign bestimmt.
Für Hersteller kann es deshalb sinnvoll sein, mögliche europäische Outcome-Anforderungen bereits bei der Planung pivotaler Studien zu berücksichtigen.
Das betrifft die Auswahl geeigneter Messinstrumente, die Definition von Analysepopulationen, die Planung von Datenschnitten und die statistische Auswertung.
Die wissenschaftliche Beratung im Rahmen einer Joint Scientific Consultation kann eine Möglichkeit bieten, die Evidenzplanung frühzeitig mit den erwarteten Anforderungen einer späteren klinischen Bewertung abzugleichen.
Erfahrungen aus den ersten JCA-Verfahren mit der PICO-Abdeckung
Die ersten veröffentlichten Joint Clinical Assessments zeigen, dass die Zahl der angeforderten PICOs und die Verfügbarkeit geeigneter Vergleichsdaten erheblich voneinander abweichen können. Für Hersteller entsteht dadurch die Herausforderung, den Assessment Scope möglichst vollständig zu adressieren und gleichzeitig die methodischen Grenzen der verfügbaren Evidenz transparent darzustellen.
In den ersten vier veröffentlichten JCA-Verfahren reichte der Assessment Scope von einem PICO bei Lurbinectedin bis zu 14 PICOs bei Onasemnogene abeparvovec. Auch die tatsächliche Abdeckung unterschied sich. Während für Lurbinectedin und Tarlatamab sämtliche angeforderten PICOs adressiert wurden, war dies bei Tovorafenib und Onasemnogene abeparvovec nur teilweise möglich.
Die Anzahl adressierter PICOs erlaubt allerdings keine unmittelbare Aussage über die methodische Qualität der eingereichten Evidenz. Auch ein formal adressiertes PICO kann erhebliche Unsicherheiten aufweisen, beispielsweise wenn ein direkter Vergleich fehlt oder die Voraussetzungen für einen indirekten Vergleich nicht ausreichend erfüllt sind.
Für das JCA-Scoping unterstreichen diese Erfahrungen die Bedeutung einer frühzeitigen Prüfung möglicher Comparatoren und der verfügbaren Vergleichsdaten.
Die methodischen Befunde der vier Verfahren werden im Insight Joint Clinical Assessment: Was die ersten vier JCA Reports über die Evidenzbewertung zeigen ausführlich analysiert.
PICO-Simulation und frühzeitige Evidenzplanung für Hersteller
Die frühzeitige Simulation möglicher JCA-PICOs kann helfen, zusätzliche Comparator-Anforderungen und Evidenzlücken bereits vor Veröffentlichung des finalen Assessment Scope zu identifizieren. Dadurch lassen sich Literaturrecherchen, Machbarkeitsprüfungen und mögliche Evidenzsynthesen vorbereiten.
Eine PICO-Simulation ersetzt den offiziellen Assessment Scope nicht. Sie dient als strategisches Instrument zur Vorbereitung auf unterschiedliche klinische Bewertungsanforderungen.
Antizipation möglicher PICO-Anforderungen
Ausgangspunkt einer PICO-Simulation sind die beantragte Zulassungsindikation, die geplanten Studien und die erwarteten Anforderungen der europäischen Mitgliedstaaten.
Auf dieser Grundlage können mögliche Populationen, Comparatoren und Outcomes identifiziert werden.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Fragestellungen, bei denen nationale Versorgungsstandards voneinander abweichen oder für bestimmte Comparatoren keine direkten Vergleichsdaten vorliegen.
Die Simulation sollte unterschiedliche plausible Szenarien berücksichtigen, ohne den späteren Assessment Scope als bereits feststehend zu behandeln.
Priorisierung von PICO-Szenarien
Nicht jede denkbare PICO-Konstellation erfordert denselben Vorbereitungsaufwand. Für die Priorisierung können drei Kriterien herangezogen werden.
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Kriterium |
Leitfrage |
|---|---|
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Wahrscheinlichkeit |
Wie wahrscheinlich ist es, dass die PICO-Fragestellung im Assessment Scope berücksichtigt wird? |
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Bewertungsrelevanz |
Welche Bedeutung könnte die Fragestellung für die klinische Bewertung und spätere nationale HTA-Verfahren besitzen? |
|
Machbarkeit |
Stehen geeignete Daten und Methoden zur Verfügung, um die Fragestellung zu adressieren? |
Eine solche Priorisierung kann helfen, begrenzte Ressourcen auf besonders relevante und aufwendige Evidenzfragen zu konzentrieren.
Sie darf jedoch nicht mit einer eigenständigen Einschränkung des offiziellen Assessment Scope verwechselt werden. Nach dessen Finalisierung gelten die Anforderungen des europäischen Verfahrens.
Frühzeitige Prüfung der Comparator-Evidenz
Die Identifikation möglicher Comparatoren sollte mit einer strukturierten Prüfung der verfügbaren Evidenz verbunden werden.
Dabei ist insbesondere zu untersuchen, ob direkte Vergleichsstudien vorliegen, welche weiteren Studien für indirekte Vergleiche geeignet sein könnten und ob relevante prognostische Faktoren ausreichend dokumentiert sind.
Auch die Verfügbarkeit individueller Patientendaten kann die Durchführbarkeit bestimmter populationsadjustierter Analysen beeinflussen.
Wenn zentrale Informationen fehlen, kann eine methodisch belastbare Evidenzsynthese trotz vorhandener Studien nicht möglich sein.
Vorbereitung systematischer Literaturrecherchen und Evidenzsynthesen
Systematische Literaturrecherchen und indirekte Vergleiche benötigen ausreichend Zeit für Planung, Durchführung, Qualitätssicherung und Dokumentation.
Die Vorbereitung vor Veröffentlichung des finalen Assessment Scope kann deshalb insbesondere bei mehreren potenziellen Comparatoren sinnvoll sein.
Mögliche vorbereitende Arbeiten umfassen die Entwicklung von Suchstrategien, die Identifikation relevanter Studien und die Prüfung der Durchführbarkeit indirekter Vergleiche.
Nach Finalisierung des Assessment Scope müssen die vorbereiteten Analysen an die tatsächlich angeforderten Fragestellungen angepasst und gegebenenfalls aktualisiert werden.
Die konkreten Anforderungen an Dokumentation, Vollständigkeit und Einreichung werden im Leitfaden zum JCA-Dossier behandelt.
Umgang mit nicht adressierbaren PICO-Fragestellungen
Nicht für jede angeforderte PICO-Fragestellung lässt sich geeignete vergleichende Evidenz identifizieren.
In solchen Fällen ist eine transparente Darstellung der verfügbaren Daten und ihrer Grenzen erforderlich.
Für Hersteller ist dabei relevant, ob eine Evidenzlücke auf fehlende Studien, nicht verfügbare Comparator-Daten, abweichende Populationen oder methodisch nicht tragfähige Vergleiche zurückzuführen ist.
Eine nachvollziehbare Dokumentation erleichtert die Einordnung der Evidenzlage und die Beantwortung möglicher Rückfragen im JCA-Verfahren.
Verbindung zwischen JCA-Scoping und nationalen HTA-Verfahren
Der JCA Assessment Scope berücksichtigt klinische Bewertungsanforderungen mehrerer Mitgliedstaaten, während nationale HTA-Verfahren weiterhin eigene Anforderungen an die Bewertung und Nutzung der Evidenz stellen. Für Hersteller ist deshalb relevant, welche europäischen PICO-Fragestellungen die späteren nationalen Bewertungsfragen abbilden.
Die europäische klinische Bewertung schafft eine gemeinsame Evidenzgrundlage. Sie ersetzt jedoch nicht die nationalen Entscheidungen über den Zusatznutzen, die Erstattung oder die Preisbildung.
Nationale Relevanz einzelner JCA-PICOs
Nicht jede im europäischen Assessment Scope enthaltene PICO-Fragestellung besitzt für jeden Mitgliedstaat dieselbe Bedeutung.
Nationale Unterschiede können insbesondere die relevante Patientenpopulation, die Vergleichstherapie und die Bewertung klinischer Endpunkte betreffen.
Für Hersteller ist es deshalb sinnvoll, frühzeitig zu prüfen, welche europäischen PICOs für die jeweiligen nationalen Verfahren besonders relevant sein könnten.
JCA-Scoping und zweckmäßige Vergleichstherapie im AMNOG
In Deutschland bleibt die zweckmäßige Vergleichstherapie (zVT) ein zentraler Bestandteil der frühen Nutzenbewertung nach AMNOG, soweit sie für das jeweilige Verfahren festzulegen ist.
Die deutschen Anforderungen können bereits während des europäischen Scopings berücksichtigt werden. Daraus folgt jedoch nicht, dass der europäische Assessment Scope die spätere nationale Festlegung oder Bewertung ersetzt.
Für die Vorbereitung eines Delta-Dossiers ist deshalb entscheidend, welche europäischen PICO-Fragestellungen die Anforderungen der deutschen Nutzenbewertung abbilden und ob die vorhandene Evidenz dafür geeignet ist.
Die spezifischen Anforderungen an Vergleichstherapien, Endpunkte und nationale Dossierinhalte werden in den AMNOG-Leitfäden vertieft, insbesondere im Leitfaden zum AMNOG-Dossier und zur G-BA-Beratung.
Vorbereitung des JCA-Scopings: Zentrale Prüfpunkte für Hersteller
Eine strukturierte Vorbereitung des JCA-Scopings verbindet die erwarteten klinischen Bewertungsfragen mit der tatsächlich verfügbaren Evidenz. Besonders relevant sind die frühzeitige Identifikation möglicher Comparatoren und die Prüfung, ob die geplanten Studien die erwarteten Populationen und Outcomes ausreichend abdecken.
Für die Vorbereitung lassen sich sieben zentrale Prüfpunkte ableiten:
Populationen: Sind die voraussichtlich relevanten klinischen Populationen und Subpopulationen identifiziert?
Comparatoren: Welche Vergleichstherapien könnten aufgrund unterschiedlicher nationaler Versorgungsstandards relevant werden?
Outcomes: Decken die geplanten Studien die erwarteten klinischen Endpunkte ausreichend ab?
Direkte Evidenz: Für welche potenziellen PICOs stehen randomisierte direkte Vergleiche zur Verfügung?
Indirekte Evidenz: Welche zusätzlichen Vergleiche könnten erforderlich sein und sind diese methodisch durchführbar?
Evidenzlücken: Welche Fragestellungen lassen sich mit den vorhandenen Daten voraussichtlich nicht adressieren?
Zeitplanung: Welche Literaturrecherchen, Analysen und Dokumentationsschritte müssen vor Veröffentlichung des finalen Assessment Scope vorbereitet werden?
Die Checkliste dient der operativen Vorbereitung und ergänzt die oben beschriebene PICO-Simulation; sie ersetzt weder den finalen Assessment Scope noch die Prüfung der methodischen Eignung der Evidenz.
Quellen und regulatorische Grundlagen
Verordnung (EU) 2021/2282 über die Bewertung von Gesundheitstechnologien.
Europäische Kommission und HTA Coordination Group: Methodische und verfahrensbezogene Leitlinien zum JCA-Scoping.
Europäische Kommission: Joint Clinical Assessment Reports zu Tovorafenib, Lurbinectedin, Tarlatamab und Onasemnogene abeparvovec, 2026.